|
DER GESUNDE MARILLENBAUM
Obwohl der Marillenpreis sehr gut und der
Markt sehr aufnahmefähig ist, standen einem erwerbsmäßigen Anbau der
Marille vor allem die Frostempfindlichkeit der Blüten und das ständige
Absterben von Bäumen entgegen.
Das Aufkommen von schwachwachsenden
Unterlagen, neue, reichblühende und frostfeste Edelsorten, und die
Erziehung in Spindelform eröffnen dem Marillenanbau neue Perspektiven.
Es ist sehr wichtig, die richtige Sorten
- Unterlagenkombination am richtigen Standort zu pflanzen. Für die
Gesunderhaltung der Bäume aber kommt der richtigen Erziehungsform
große Bedeutung zu.
Zur Entwicklung kräftiger Blütenknospen
benötigt der Marillenbaum viel Licht. Vor allem bei Halb- und Hochstämmen
und in Frostjahren fällt auf, dass Früchte nur in den oberen Baumteilen zu
finden sind. Natürlich sind bei Frösten die Temperaturen in Bodennähe
tiefer, was aber in Hanglagen nur sehr wenig zum Tragen kommt. Daher ist
Marillenanbau in Stau- und Tallagen abzulehnen. 1998 hatten wir bis -8° in
der Hauptblüte und während der Blühzeit drei Wochen lange immer
Minusgrade. Frostfeste Marillensorten mit genügend Licht, ausgewogen
ernährt und vor Blütenmonilia geschützt, hielten selbst diesen
Temperaturen stand.
In einem modernen Marillenanbau brauchen
wir vom Boden pflege- und beerntbare Bäume, möglichst viele einjährige
Kurztriebe (vor allem diese tragen Marillen in Frostjahren) auf einer
maximalen Kronenoberfläche pro Hektar. Am leichtesten lässt sich dies mit
möglichst vielen, kleinen, kegelförmig aufgebauten Bäumen realisieren. Was
im Apfelanbau schon lange eine Selbstverständlichkeit ist, ist bei der
Marille noch dringlicher.
Die Forderungen an ein Erziehungssystem
wie
-optimale Standraumausnützung und
damit verbunden
-frühe Anfangs- und hohe Vollerträge
bei bester Fruchtqualität,
-Arbeitserleichterung bei Schnitt und
Ernte in Verbindung mit einer
-Erhöhung der Arbeitsproduktivität
und Senkung der Lohnkosten
stellen wir bei allen Obstarten, auch bei
der Marille.
Deshalb ist bei uns vor zehn Jahren die
Idee gereift, über 30 Marillensorten auf verschiedensten Unterlagen in
einem Pflanzabstand von 4 x 1,5m zu pflanzen. Dass wir damit auch die
Baumgesundheit und die Frostfestigkeit deutlich erhöhen konnten, zeigen
vor allem die letzten Frostjahre.
Durch unsere guten Kontakte zu allen
großen Marillenzüchtern weltweit bekommen wir jährlich neue Sorten. Das
ließ unser Sortiment auf 180 Marillensorten anwachsen, fast 150 davon
stehen im Ertrag, etliche wurden schon wieder gerodet, da sie unseren
Anforderungen nicht entsprachen.
Bei herkömmlicher Erziehung macht sich
das Marillenbaumsterben oft schon an Bäumen im beginnenden Ertragsstadium
durch Gummifluss, Ast-, Leitast- und Baumsterben bemerkbar. Selbe Probleme
konnte F.-G. ZAHN aus Jork im "Alten Land" vor 20 - 30 Jahren bei der Kirsche
durch "Stärkenbezogene Baumbehandlung" und den damit verbundenen
"Höhengerechten Pflanzabstand" lösen.
Die Zahn´sche Regel lautet:
Der Seitenast darf niemals stärker
sein als die Hälfte der Stammstärke vor der Verzweigung, da sonst der
Seitenast die Führung übernimmt und die Stammverlängerung abstirbt - das
gefürchtete Marillenbaumsterben. Da ein Seitentrieb nicht stärker
werden darf als die Hälfte des Stammes, darf er auch nicht länger werden
als die Hälfte des Stammes. Daraus ergibt sich der "Höhengerechte
Pflanzabstand". Für die Praxis bedeutet dies, wenn wir alle Früchte vom
Boden aus ernten wollen, und die Bäumendhöhe somit auf 2,5 bis 3 m
begrenzen müssen, darf der Baumabstand in der Reihe nicht mehr als 2,5 m
betragen. Dies ist das Maximum und unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass
ein kleiner, gesunder Baum bei 1,5 oder 2 m leichter zu erziehen ist als
bei weiterem Abstand.
Ein wichtiger Faktor ist auch das
"Spindelgerechte Pflanzmaterial".
Ein spindelfreudiger Marillenjungbaum ist eine einjährige Veredlung
mit drei bis sechs vorzeitigen Trieben in einer Höhe ab 60 cm. Diese
sollen mindestens 40 cm lang, gut ausgereift und nicht stärker als 1/3 des
Stammdurchmessers sein. Wie beim Pfirsich machen zu starke oder
2-jährige Bäume beim Anwachsen eher Probleme und sind mit ihren steilabgehenden, starken Ästen für Spindelerziehung nicht empfehlenswert.
Die Veredlungshöhe muss sich an der Unterlage und den Bodenverhältnissen
orientieren, nicht unter 10 cm, bei feuchten Böden über 20 cm.
Im Wuchs- und Blühverhalten bewegt sich
ein Marillenbaum zwischen dem Pfirsich und der Zwetschke. Schneiden wir
einen Pfirsichbaum bei der Pflanzung sehr stark zurück, einen
Zwetschkenbaum die vorzeitigen Triebe bis zu 80 cm überhaupt nicht, sollte
man bei der Marille die vorzeitigen Triebe um ein Drittel bis zur Hälfte
einkürzen. Der Mitteltrieb wird in der Regel 60 cm über der obersten
Verzweigung abgeschnitten. Vorzeitige Triebe die stärker als die ½ des
Stammes sind, sollten schon bei "in Saft gehen" des Baumes auf Astring
entfernt werden. Die links und rechts sitzenden Beiaugen treiben
in der Regel willig durch, bringen 15 - 30 cm lange, flache Triebe und
sorgen gleichzeitig für die Wundverheilung. Eine zweite Möglichkeit, um
bei Marillen-bäumen keine großen Wunden am Hauptastgerüst zu machen, ist,
diese zu starken Äste auf einen 10 cm langen "lebendigen Stummel" zu
schneiden.
Wir beachten beim Pflanzschnitt keine
Augenrichtung und verwenden keine Wundverschlussmittel. Dafür
kontrollieren wir ein bis zwei Monate nach dem Austrieb den Baum und
schneiden an der Basis auf einen flach abgehenden Außentrieb.
Aufrechtstehende Triebe werden pinziert oder gebrochen, an der Mitte
belassen wir den obersten schönen Trieb, schneiden diesen jetzt exakt und
ohne Stummel, verstreichen diese Wunde und pinzieren oder entfernen 3 - 5
darunterliegende Konkurrenztriebe. Zu diesem Zeitpunkt werden auch die
vorzeitigen Triebe waagrecht gestellt. Dies funktioniert mit
Formierhilfen wie "Astfix" oder selbstgebogenen Drahtklammern sehr
schnell, ist aber auch mit Schnüren möglich.
Im August kann man mit diesen Klammern
bereits steilstehende Triebe am Mitteltrieb waagrecht formieren. Hauptziel
ist eine dominierende Mitte mit ausschließlich flach abgehenden,
generativen Trieben.
Im 2. Jahr beschränken sich die
Schnittmaßnahmen auf das Herausreißen oder Waagrechtstellen steiler
Treibe. Jenen Trieben, die im Mai länger als 30 cm oder im Juni länger als
50 cm sind, entfernen wir einfach die Triebspitze. Diese treiben später am
Ende wieder durch, garnieren sich in der Zwischenzeit dahinter mit
Blütenknospen und die bei warmen Wetter gebildeten Neutriebe sind im
kommenden Frühjahr ebenfalls voll mit Blüten.
So kommen wir bereits im 3. Jahr zu einem
ruhigen Baum mit vielen Blüten. Sind keine Blütenfröste müssen wir
nach der Blüte den zu erwartenden Ertrag auf 5 - 8 kg pro Baum ausdünnen.
Starkwachsende, krautige Triebe werden
auch in den Folgejahren herausgerissen oder pinziert. Herausreißen ist ein
weit schnellerer Arbeitsvorgang als der Schnitt im Winter und Wunden
verheilen sofort. Durch das Pinzieren entsteht statt einem vegetativen
Langtrieb, ein verzweigter, generativer.
Grundsätzlich sollte der Baum immer mit
einem totalen Blütenknospenüberschuss in die nächste Blüte gehen.
Erfrieren nach Warmwetterperioden im Winter und anschließendem
Kälterückfall Blütenknospen oder durch zu tiefe Temperaturen in der Blüte
Blüten, kommen wir mit 10 bis 20 % verbleibenden Blüten noch immer auf
zufriedenstellende Erträge. Treten keine starken Fröste auf, müssen
möglichst rasch nach der Blüte ein Großteil der Jungfrüchte mittels
Schnitt entfernt, und 2 - 4 Wochen später zusätzlich mit der Hand
ausgedünnt werden. Grundsätzlich sind wir der Auffassung, dass ein
Marillenbaum jährlich um 10 bis 20 Prozent Ertrag unterfordert werden
sollte, als rein für gute Fruchtqualitäten notwendig wäre. Nur damit
Erreichen wir jedes Jahr einen totalen Blütenknospenüberschuss und auf
Dauer gesunde Bäume. Gerade die Jahre 1997 und 1998 haben gezeigt, dass
Bäume die im Vorjahr etwas überfordert waren, nicht nur weniger Blüten
bringen, sondern dass diese auch deutlich frostempfindlicher sind.
Am besten werden Marillenbäume bald nach
der Ernte grob geschnitten, nach der Blüte, wenn wir wissen, wie viele
Früchte zu erwarten sind, wird der Baum ein zweites Mal korrigiert.
Um den Baum nicht aus dem physiologischen
Gleichgewicht zu bringen muss er zwar beim Schnitt nach der Blüte stärker
geschnitten werden als im Winter, dafür kann man zu diesem Zeitpunkt den
Fruchtansatz besser beurteilen, den Baum kleiner halten und Wunden
verheilen besser. Außerdem treibt der Baum im äußeren Bereich nicht mehr
so stark, und kräftigt somit die vorjährigen Fruchtspieße.
Nur zum Vergreisen neigende Bäume
schneiden wir im Spätwinter.
In unserer 10 jährigen Versuchsanlage mit
1,5 m Baum- und 4 m Reihenabstand bewegte sich der Ertrag seit dem 3.
Standjahr selbst in den Frostjahren zwischen 10 und 15 kg bei den von uns
derzeit empfohlenen Sorten.
Zum Erreichen eines angestrebten
durchschnittlichen Hektarertrages von 15.000 kg sind folgende Erträge pro
Baum notwendig:
|
Pflanzabstand |
m² Standraum |
Bäume / ha |
-10 %
Anwand
|
kg/Baum bei
15.000 kg/ha
|
|
4 x 1,5 |
6 |
1.666 |
1.500 |
10 |
|
4 x 2 |
8 |
1.250 |
1.125 |
12 |
|
4 x 2,5 |
10 |
1.000 |
900 |
16,7 |
|
4 x 4 |
16 |
625 |
560 |
26,8 |
|
6 x 5 |
30 |
333 |
300 |
50 |
Uns ist bewusst, dass ein Halbstamm 6 x 5
m auch mehr als 50 kg pro Baum tragen kann. Jedoch gerät dieser oftmals in
eine starke Alternanz, muss mehrmals durchgeerntet werden, die Früchte
befinden sich in unterschiedlicher Qualität meist an der Peripherie des
Baumes, Pflege und Pflanzenschutz sind schwierig und das gefürchtete
Schlagtreffen nimmt seinen freien Lauf.
Der Hochstamm hat seine Berechtigung als
landschaftsgestaltendes Element und wäre in vielen Gebieten aus dem
Landschaftsbild nicht wegzudenken. Für den Erwerbsobstanbau ist die
optimale Ausnutzung des Standraumes eine Existenzfrage.
> nach oben |